Rüttgers will das Volkslied retten

Im Falle seiner Wiederwahl möchte der NRW-Ministerpräsident
(Lieblingslied: „Nehmt Abschied, Brüder") das Singen in Schulen und Chören fördern. Musikbuchverlage, Chorverbände und Komponisten wie Rolf Zuckowski begrüßen den Vorstoß.

(Rheinische Post vom 1. April 2010)

VON JÖRG ISRINGHAUS UND ULRIKE WINTER


DÜSSELDORF Zum perfekten Ende ei­nes Urlaubstags gehört für Jürgen Rüttgers ein Lied. „Wenn wir abends alle zusammen am Strand sitzen, um ein Lagerfeuer herum, und mein Schwager Gitarre spielt, dann stimmen wir schon mal ein Stück an", erzählt der Ministerprä­sident (CDU), „zum Beispiel .Nehmt Abschied, Brüder'". Die deutsche Version von „Auld Lang Syne" unterstreiche das Gefühl, ge­meinsam etwas Schönes erlebt zu haben. Außerdem erinnere sie ihn an Lagerfeuerabende mit den Pfad­findern, sagt Rüttgers, und seine insgesamt neun Jahre im Schul­chor, in dem die .Mundorgel' rauf und runter gesungen wurde." Die­sen „kulturellen Reichtum" will der Ministerpräsident im Falle seiner Wie­derwahl bei der Landtagswahl im Mai für nachkom­mende Generatio­nen sichern.
Mit dem Projekt „Förderung des deutschen Volksliedes" sollen Kin­der, Erwachsene und Senioren im Gesang geschult werden und damit die Tradition des deutschen Volks­liedes lebendig halten. Neben dem . Ausbau bereits laufender Projekte wie „NRW singt", die den Gesang im schulischen Bereich fördern und künftig Volkslieder stärker berück­sichtigen sollen, will die Landesre­gierung enger mit Schulbuchverla­gen zusammenarbeiten. Zudem wünscht sich Rüttgers eine stärkere Präsenz der NRW-Chöre in Radio und Fernsehen. Das bedeute einen „Motivationsschub für die Sänger und wertet das Volksliedgut auf, heißt es über das Programm, für das die Landesregierung mit dem Lan­desmusikrat und dem Chorver­band NRW kooperiert.
Rüttgers Initiative stößt auf ein positives Echo. Klaus Schuschnig, geschäftsführender Lektor des Köl­ner Mundorgel-Verlages, beklagt
das kontinuierlich wegbrechende Interesse am deutschen Liedgut. Seit mehr als 50 Jahren ist „Die Mundorgel" das meistverbreitete Liederbuch hierzulande. Doch wo 1980 noch rund 300000 bis 500000 Exemplare verkauft wurden, sind es heute gerade mal 30000 bis 50000. „Die Ursachen sind vielfältig", sagt Schuschnig, „ein Hauptgrund aber ist, dass das Singen nach Liederbü­chern von den Schulen nicht mehr gefördert wird." So würden die Stü­cke allmählich aus dem Bewusst-sein der Menschen verschwinden. Zu unrecht. „Früher war die .Mund­orgel' nicht nur ein Lieder-, son­dern auch ein Lebensbuch, spen­dete Trost und Freude."
Diesen Aspekt möchte zum Bei­spiel der Chorverband Bergisch-Land stärken. „Singen macht schlau" heißt die Aktion, mit der das Singen in die Grundschulen getra­gen werden soll. „Volkslieder sind bei den Schülern leider verpönt", bedauert Verbandsvorsitzender Hans Günter Rose. Dort wollen die rund 1600 aktiven Chormitglieder ansetzen - wohlwissend, dass gera­de unter Jugendlichen andere mu­sikalische Vorlieben herrschen. Mi­chael Fischer vom Deutschen Volksliedarchiv in Freiburg fasst den Begriff Volkslied daher von vorneherein weiter. „Das ist ein Lied, das sich über weite Kreise einer gro­ßen Beliebtheit erfreut", definiert der Wissenschaftler. Darunter fie­len dann ebenfalls Pop-Songs -etwa von Nena. Aber auch für Rütt­gers gehören zum Volksliedgut heu­te „Folksongs und Gospelstücke. Es geht darum zu bewahren, was da ist", erklärt er.
Rüttgers Vorstoß zielt für Fischer dennoch vor allem auf eine histori­sche Sparte ab, die in der gesamten Musikkultur eher eine marginale Rolle spiele und keine Hilfe benöti­ge. Lieder wie „Der Mond ist aufge­gangen" müsse man nicht revitalisieren, weil sie ohnehin im kollektiven Gedächtnis verankert seien. „Was am Ende bleibt, hängt damals wie heute von der medialen Wirk­lichkeit ab", sagt Fischer. Allerdings räumt er ein, dass nur wenige Volks­lieder nach wie vor präsent seien.
Gerade da sieht der bekannte Hamburger Komponist und Musi­ker Rolf Zuckowski („.. .und ganz doll mich") Nachholbedarf. „Das Volkslied lässt sich dauerhaft nur vermitteln, wenn es gesungen wird", betont Zuckowski. Seine Kindheit sei geprägt gewesen vom selbstverständlichen Singen über­lieferter Volkslieder in der Familie und in der Schule. „Ich empfinde beim Singen in der Gemeinschaft oft eine starke Identifikation, aber auch immer wieder ein Eintauchen in andere Kulturkreis, wie etwa in der Schweiz oder in Tschechien."
Rüttgers setzt mit den schon lau­fenden Projekten „Jedem Kind sei­ne Stimme" und „Singen macht Sinn" bei den Schulen an - bei Leh­rern wie Schülern. Für Musikprofi Zuckowski der richtige Weg: „Lie­derbücher sind wichtig, Singen und Musizieren ist wichtiger. Alle Er­wachsenen, ob prominent oder nicht, die dazu aus vollem Herzen und nicht vorwiegend aus pädago­gischen Gründen beitragen, machen sich um den Bestand unseres Volksliedgutes verdient."


INFO


Das Projekt


Ziel: 
Das deutsche Volkslied leben­dig halten

Beteiligte:  Verlage (sollen Lehr- und Schulmaterialien entwickeln), Schul- und Familienministerien (sollen die Curricula für Erziehe­rinnen stärker auf Musik und Ge­sang ausrichten); Medien (sollen NRW-Chören mehr Präsenz ver­schaffen); Familienzentren (sollen Eltern in punkto Volkslied schulen)

Kosten:  1,2 Millionen Euro für 2009 und 2010 (einschl. bereits laufender Musik-Projekte)

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