Das Singen erlebt eine Renaissance

VON BENJAMIN DOUM UND JULIANE KAELBERLAH

Düsseldorf (RP). Gesang ist wieder in Mode: Chöre locken auch wieder junge Leute an, und in einem Seminar lernen Teilnehmer in Bochum, wie sie Weihnachtslieder singen.

Es gab eine Zeit, da waren Chorleiter eine bemitleidenswerte Spezies. Mit einer Handvoll langjähriger Sänger trafen sie sich abends in Gemeindehäusern und Sälen, um zu proben. Tapfer, selbst in Mini-Besetzung. Es war die Zeit der überalterten Chöre, denen der Nachwuchs fehlte. Singen galt als spießig, vor allem unter Jugendlichen. "Das ist vorbei", sagt Klaus Levermann vom Chorverband NRW. Etwa 3100 Chöre gibt es in Nordrhein-Westfalen, und immer mehr kommen hinzu. Seit es Shows wie "Deutschland sucht den Superstar" gibt, ist Gesangsunterricht bei Jugendlichen ein Renner. Von einer "Renaissance des Singens" spricht der Deutsche Chorverband.

Singen ist wieder in. Doch eigentlich war es nie out. Zwar gibt einer Umfrage nach ein Drittel der Deutschen an, nicht singen zu können. Dabei tun sie es täglich: Im Auto und unter der Dusche, auf dem Konzert, im Stadion. "Wenn andere mitsingen, schämen sich die Menschen weniger. Das ist Gemeinschaft, ein Erlebnis", so Levermann.

 

Auch Elisabeth Kittelmann hat in diesem Jahr neue Mitglieder in ihren Düsseldorfer Gospelchor "Blue heaven" aufgenommen. Dass Singen gesund ist und glücklich macht, beobachtet sie bei jeder Probe. "Die Leute kommen abends abgespannt von der Arbeit. Nach einer Stunde Musik haben sie gute Laune", sagt die 29-Jährige. Friederike Schmidtke (22) ist in diesem Jahr zu "Blue heaven" gestoßen. Sobald sie am Donnerstagabend zwischen den anderen in der Kirche steht, kann sie abschalten. "Man singt sich frei", sagt die Polizistin. Vom Alltag, vom Stress, von Problemen.

 

Vor 40 Jahren wäre sie in ihrem Alter dafür belächelt worden: Die 68er befanden, kollektives Singen sei piefig und vor allem verdächtig. Schließlich hatten die Nazis die Massen auch mit Gesang agitiert. Die Talsohle in puncto Mitgliederzahl erreichten die Chöre Ende der 80er Jahre, sagt Klaus Levermann vom Chorverband. Und auch jetzt sieht es nicht überall rosig aus, gibt er zu: Die Zeit der großen Männerchöre zum Beispiel sei vorbei. An ihre Stelle treten vor allem kleine Vokal-Ensembles. Und immer noch könne man zu wenige Jungen in der Pubertät für das Singen gewinnen. Wichtig sei deshalb, schon Kinder für Musik zu begeistern. Je früher Singen eine positive Erfahrung ist, desto besser. Wer vom Musiklehrer in der Schule mit bedauerndem Blick als singunfähiger Brummsack bloßgestellt wurde, wird von allein wohl nie einem Chor beitreten.

 

Nachholbedarf gibt es noch in den Familien, sagt Olaf Kröck. "Da wird zu wenig gesungen, obwohl sich viele gerade zu Weihnachten danach sehnen." Der Dramaturg am Bochumer Schauspielhaus gibt seit Jahren in der Adventszeit ein Weihnachtslieder-Auffrischungsseminar. In diesem Jahr füllten die Teilnehmer fast einen ganzen Saal. Es kommen ältere Menschen, die von "Kling Glöckchen" oder "Stille Nacht" fast alle Strophen kennen. Studenten, die einen netten Abend verbringen wollen. Und Familien mit Kindern, die wieder zur Musik finden wollen. Immer wieder hört er dieselben Argumente: Ja, man würde Heiligabend schon gern singen. Aber wirklich textsicher sei keiner. Und kurz vor der Bescherung die Familie zu animieren, um dann dem polyphonen Elend lauschen zu müssen – nein danke. Ohne Gesang keine Geschenke, das war einmal.

 

Für Hobbysänger Kröck ist die Angst vor dem Singen ein deutsches Phänomen: "In Skandinavien wird der Tannenbaum so aufgestellt, dass man darum tanzen kann. Das familiäre Singen zu Weihnachten hat dort Tradition." Und das soll auch hierzulande wieder so werden.

Quelle: RP vom 22.12.2012

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0
              www.erkelenz.de
www.erkelenz.de

Entwicklung & Design

by Wilfried Rötzel

Counter
www.dein-erkelenz.de
www.dein-erkelenz.de