Prof. Dr. Norbert Brendt -Ein Retter der Musik-

VON JESSICA BALLEER

 

Das Wort „Lehren“ ist seine Reprise. Immer wieder betont er es, während seine Arme und Hände dezent mitschwingen. Sie malen die Worte in die Luft. Er sitzt noch vor mir auf dem Sofa, der Dirigent, und hadert mit dem schweren Stand der Musik in der heutigen Zeit – wenngleich Professor Dr. Norbert Brendt den Taktstock bereits vor Wochen niedergelegt hat.

„Meine Vorbilder waren meine Lehrer“

 

Mit dem Rücken zum Publikum, weist er an dem kalten Januarabend das Collegium Musicum ein letztes Mal durch die Partituren. Dann dreht er sich um und belehrt das Publikum über historische Kontexte. Am Schluss wird er feierlich verabschiedet. Die Musik werde ihn ja nicht verlassen, sagt er damals unbeeindruckt. Brendt ist kein Mensch großspuriger Worte und Dinge. So fand er eigene Vorbilder auch nicht in der Musikwelt. „Für mich waren immer die Werke wichtig, nicht die selbstdarstellerischen Komponisten.“  Noch wichtiger für ihn von Beginn an: das Lehren der Musik, junge Menschen von ihr zu begeistern. „Meine Vorbilder sind die, bei denen ich selbst unterrichtet wurde, meine Lehrer. Denn Anregungen bekommt man nur durch andere Menschen.“

 

Dieses Motiv zieht sich wie ein roter Faden durch die Vita des Menschen Norbert Brendt. In der Nachkriegszeit aufgewachsen, fand sich im Elternhaus eben nur ein Klavier, also begann er es mit sieben Jahren zu bespielen. Dies führte er in seiner Zeit am Aachener Kaiser-Karls-Gymnasium fort, denn sein Klavierlehrer, „das war ein Guter“. Und auch die Schule legte Wert auf die musikalische Bildung.

 

Verschrieb sich früh der Musik

 

Das sei heute anders. Heute existiere sie nur noch, großer Wert werde nicht mehr auf die Musiklehre gelegt. Brendt sagt dies nicht mit Hochmut, noch erkennt man Zeichen der Resignation in diesem Gesicht, das von einem geschäftigen Leben geprägt ist. Es ist die sachliche Analyse eines Realisten. Kunst und Musik haben heute einen schweren Stand, wo doch Bildungssystem und Globalisierung nach Naturwissenschaften und Sprachen verlangen. Falsch findet er das nicht, „aber die Schule als Erlebnisort, an dem man musikalisch zusammensteht, das gibt es nicht mehr.“

 

Dennoch muss Bedauern mit dieser Erkenntnis mitschwingen. Denn der 72-Jährige selbst hat sich früh der Musik verschrieben. Er studierte von 1961-1968 in Köln: Musik, Geschichte, Philosophie, Pädagogik. Dann der Lehrauftrag für Musik und nach der Schulmusikausbildung absolvierte er das Studium der Liedbegleitung und Kammermusik. Nach der Referendariat wurde er Lehrer am Cornelius-Burgh-Gymnasium Erkelenz: Professor Dr. Norbert Brendt ist ein ehrgeiziger Mensch. Freizeit blieb immer eine Rarität. Doch er bedauert es nicht, diese Zeit investiert zu haben: „In jungen Jahren sollte man seine Chancen ergreifen. Da kann man erreichen, was man später vielleicht nicht mehr schafft.“

 

„Damals stand der Sextaner neben dem Lateinlehrer“

 

37 Jahre verbrachte er am Erkelenzer Gymnasium. Er gründete einen Lehrer- und Schülerchor. 1982 formte er das Collegium Musicum, dessen Leitung er wie beschrieben nach 32 Jahren abgegeben hat. Der Lehrerchor hatte nicht so lange Bestand. Ein Zeichen für das Desinteresse der Lehrer an anderen Fächern. „Früher stand der Sextaner im Chor neben seinem Lateinlehrer, und der womöglich neben dem Schulleiter. Und Grundschullehrer mussten ein Instrument beherrschen. Das ist heute undenkbar.“

 

Wie wichtig die Rolle des Lehrers ist, betont er immer wieder: „Wenn Lehrer wüssten, welche Verantwortung sie haben Interesse bei Kindern zu wecken! Vielleicht würden sie dann ihren Beruf anders sehen.“ Er hat es damals selbst erfahren, als dem jungen, unbegabten Zeichner Brendt ein fähiger Lehrer die Augen für die Kunst öffnen konnte.

 

Notenfolgen statt Vokabeln

 

Immer wieder engagiert sich Norbert Brendt schon damals im Auftrag der Musik. Er investiert seine Freizeit. Mit vielen Chören bereist er das europäische Ausland: Frankreich, Schottland, die Slowakei. Anknüpfungspunkte gab dabei stets die Musik, bei der alle Menschen zu verstehenden Zuhörern werden können: „Denn zum Glück kennt die Musik nicht das Problem mangelnder Vokabelkenntnis.“

 

Das Nachkriegskind baut Barrieren ab und schafft Geselligkeit. „Über die Musik lernten die Schüler Land und Leute kennen. Ich hielt es für meine Aufgabe, den Horizont der Schüler zu erweitern. Sie sollten die Andersartigkeit der Kulturen schätzen lernen“, so der Ehrenbürger von St.James. Dorthin wird er dieses Jahr wieder reisen. 40 Jahre deutsch-französische Freundschaft – ein Grund zu feiern.

 

„Musik lebt nur, wenn wir sie lebendig machen“

 

In Rente ist er, das letzte Dirigat ist aufgegeben. Doch ganz still ist es im Hause Brendt nie. Wenn kein Instrument erklingt, sind es die Vögelchen, die im Wohnzimmers zwitschern. Prof. Dr. Norbert Brendt beschäftigt die Suche nach alten Werken. Noten, die in Archiven liegen, sieht er ungern. „Verstauben kann Musik nicht, doch sie lebt nur, wenn wir sie immer wieder lebendig machen.“ So übt er für sich noch ab und zu am Klavier, immer mal wieder, wenn ein Auftritt ansteht.

 

Brendts Wirken in der Musik ist nicht als reine Unterhaltung zu verstehen. Er versucht sie zu retten, ihr Leben einzuhauchen. So belebte er Werke von Cornelius-Burgh aus den 50er Jahren wieder und führte sie mit dem Schulorchester auf. Zwei Söhne aus der Familie Brendt studieren Musik. Alle fünf Kinder haben ein Instrument gelernt. Einige seiner ehemaligen Schüler studieren ebenfalls Musik. In keinem Fall ist dies die Folge massiver Einflussnahme, sondern es bedurfte lediglich seiner „kleinen Impulse“, die den Kindern und jungen Erwachsenen die Türen dazu öffneten.

 

Die Zukunft wird zeigen, welche Rolle die musikalische Kultur bald spielen wird. „Sie hat nur eine Chance, wenn der Pflege und Lehre der Musik von der Gesellschaft wieder mehr Wertschätzung entgegengebracht wird.“

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